Die Reisekrankheit (Fachbegriff: Kinetose), Reiseübelkeit oder umgangsprachlich auch „Seekrankheit“ genannt, wird durch Fahren im Auto, Bus, Zug oder dem Schiff (Seekrankheit) ausgelöst. Seltene Auslöser sind heute auch Achterbahnen, 3D-Kino und Videospiele. Die Beschwerden, die dabei auftreten können sind Übelkeit, Erbrechen, Schwindel, Durchfall oder Verstopfung, Blässe, Blutdrucksenkung, Schweißausbruch, Kopfschmerzen und Abgeschlagenheit. Im Blut steigen die Spiegel der Stresshormone und des Botenstoffes Histamin an. Gähnen ist oft ein Frühwarnzeichen für See- und Reisekrankheit.



Jeder Mensch kann in jeder Phase seines Lebens von der Reisekrankheit betroffen sein. Auch Seeleute, die ein Leben lang unbehelligt zur See gefahren sind, können plötzlich seekrank werden und plötzlich Übelkeit aufgrund des Seegangs erfahren. Die alltägliche Erfahrung zeigt, dass Intensität, Frequenz, und Dauer der passiven Bewegung für die Entwicklung der Reisekrankheit wesentlich sind. Die Anfälligkeit ist stark altersabhängig: Kinder unter zwei Jahren sind kaum anfällig für die Reisekrankheit, im Alter von 12 wird ein Maximum erreicht, danach sinkt die Neigung zur Reisekrankheit wieder ab. Die Empfindlichkeit gegenüber der Seekrankheit ist abhängig von Geschlecht, Alter, Rasse und verschiedenen Grundkrankheiten sowie hormonellen Zyklen:

Chinesen sind empfindlicher als Kaukasier, Soldaten auf See empfindlicher als Marineangehörige. Frauen sind empfindlicher als Männer, jüngere Erwachsene sind empfindlicher als ältere, Personen mit Migräne werden leichter seekrank. Bei Frauen ist die Anfälligkeit am Tag der Ovulation und bei Einnahme von empfängnisverhütenden Medikamenten geringer, am Tag der Menses höher. Nahrungsmittelaufnahme ist im Bezug auf das Auftreten von Seekrankheit günstiger als Fasten.

Im Auto sind etwa ein Fünftel der Mitfahrer von Reiskrankheit betroffen. Interessanterweise ist der Fahrer des Wagens so gut wie nie von der Reisekrankheit und/oder Übelkeit geplagt. An Bord von Schiffen können ja nach Situation bis zu 100 % der Passagiere Symptome der Seekrankheit aufweisen. Selbst bei der Marine werden regelmäßig 20% der Besatzung seekrank, auf einem Rettungskreuzer bei schwerer See sogar 80%. Auch Fische können seekrank werden. So werden zum Beispiel Goldfische als Versuchstiere für Seekrankheit verwendet.

Therpapiert wird meist mit dem verschreibungspflichtigen Medikament Scopolamin, das es als Tabletten, Spritze und Pflaster gibt. Auch einige antiallergische Medikamente (Antihistaminika) werden eingesetzt. Rezeptfreie, allerdings apothekenpflichtige Medikamente (Superpep, Vomex) enthalten meist Dimenhydrinat. Neben Tabletten gibt es auch antihistaminhaltige Kaugummis. Die häufigsten Nebenwirkungen dieser Medikamente sind Müdigkeit und Einschränkungen der Reaktionsfähigkeit, was den Einsatz z.B. während der Arbeit fast nicht möglich macht.

Viele Menschen sind auf der Suche nach Alternativen, da die Medikamente auch bei Kindern oft nicht eingestzt werden können. Neue Forschungne bieten hier einige interessante, nebenwirkungsfreie Ansätze.

1. Ursachen für die Reisekrankheit

Auslöser der Reisekrankheit oder „motion sickness“ ist hauptsächlich der Widerspruch der Informationen, die von den Sinnesorganen geliefert werden. Dazu kommt noch die Diskrepanz zwischen der erwarteten Bewegung und der tatsächlich eingetretenen Bewegung. Andauernde Widersprüche zwischen der so erfahrenen Bewegung und der Lage des eigenen Körpers sollen ein Fehlersignal im Hirnstamm oder im Kleinhirn auslösen, was dann die typischen Symptome einer Reisekrankheit wie Übelkeit, Schwindel und Erbrechen auslöst..

Offenbar kann das Gehirn sich adaptieren, denn nach zwei bis drei Tagen lassen die Symptome bei den meisten Menschen nach. Unklar ist, ob die körperlichen Reaktionen der Reisekrankheit einen biologischen Zweck erfüllen, oder ob das Erbrechen – eigentlich ein Schutzreflex gegen Vergiftung – irrtümlich ausgelöst wird.

Neuere Untersuchungen zeigen, dass bei der Reisekrankheit Histamin im Innenohr freigesetzt wird, und das wiederum trägt maßgeblich zu den bekannten Symptomen bei. Auch die Stresshormone im Blut sind auffällig erhöht.(1)

Der Botenstoff Acetylcholin scheint für die Gewöhnung auf See verantwortlich zu sein. Auch diese Erkenntnis bietet zusätzliche Ansatzpunkte für die Therapie.

2. Ernährung im Falle der Reisekrankheit

Zunächst sei gesagt, damit das biochemische System Mensch möglichst reibungsfrei arbeiten kann, braucht es alles. Alle Vitamine, Mineralien, Ballaststoffe, Fette, Eiweiße und Kohlenhydrate. Fehlen nur kleine Bausteine, so bedeutet dies, bestimmte Funktionen können nicht mehr einwandfrei abgerufen werden.

Da wohl Histamin der wichtigste Auslöser der Reisekrankheit ist, empfiehlt es sich, histamin-reiche Lebensmittel vor und während der Fahrt zu meiden. Das heißt, dass Speisen und Getränke, die einen langen Reifungsprozess durchlaufen (zum Beispiel Hartkäse oder Salami) oder Lebensmittel, die einem Gärprozess unterworfen sind (zum Beispiel Rotwein, Weizenbier, Sauerkraut) zu meiden sind. Jegliche Zufuhr von Histamin durch Nahrungsmittel ist kontraproduktiv.

Histamin in Nahrungsmitteln kann weder durch Tiefkühlung, noch durch Backen, Grillen oder Kochen der Speisen inaktiviert werden. Histaminvorstufen werden vor allem durch Bakterien gebildet, wodurch auch lang gelagerte Speisen im Zuge des vermehrten bakteriellen Verderbs vermehrt Histamin enthalten. In Abhängigkeit von Herstellung, Zubereitung und Lagerung der Lebensmittel schwanken die Histamingehalte enorm. Des Weiteren sollten Nahrungsmittel, die reich an Histaminvostufen sind sowie Produkte, die die Freisetzung von Histamin im Körper aktivieren, gemieden werden.

Meiden Sie also:
  • Schokolade
  • Eingelegte/konservierte Lebensmittel
  • Käse: vor allem Hartkäse – je älter ( je länger gereift) desto mehr Histamin
  • Geräuchertes Fleisch, Schinken, Salami, …
  • die meisten Fischprodukte (alle Meeresfrüchte), v.a. Fischkonserven
  • Schwarzer und grüner Tee
  • Zitrusfrüchte
  • Bananen
  • Ananas
  • Papaya
  • Tomaten
  • Hülsenfrüchte
  • Weizenkeime
  • Essig
Gut vertragen werden in der Regel:
  • Frischkäse
  • pasteurisierte Milch
  • frisches Fleisch (frisch, gekühlt, gefroren)- mit Schweinefleisch haben einige Betroffene Probleme
  • Fangfrischer Fisch
  • Frisches Obst: Melone, Heidelbeeren, Preiselbeeren, Litchi, Mango, Khaki, Rhababer, Kirschen, Blaubeeren, Johannisbeeren, Aprikosen, Äpfel
  • Frisches Gemüse: Grüner Salat, Kohlsorten, Rote Beete, Kürbis, Zwiebel, Radieschen, Rettich, Rapunzel, Paprika, Karotten, Brokkoli, Kartoffeln, Gurke, Lauch, Zucchini, Mais, Spargel, Knoblauch
  • Getreide, Teigwaren: Dinkel-, Mais-, Reisnudeln, hefefreies Roggenbrot, Mais-Reis-Knäckebrot, Reis, Haferflocken, Reiswaffeln Mais-, Reis-, Hirsemehl
  • Milchersatz: Reis-, Hafer-, Kokosmilchalle nicht zitrushaltigen und/oder tomatenhaltigen Obstsäfte, alle Gemüsesäfte (außer Sauerkraut)
  • Kräutertee
  • Eigelb

3. Mikronährstofftherapie

Mikronährstoffe spielen bei praktisch allen Stoffwechselreaktionen eine große Rolle. Sie steuern die Produktion und Ausschüttung der Hormone und Botenstoffe und sind auch an deren Abbau beteiligt. Mikronährstoff sind absolut essentiell für den Erhalt unserer Gesundheit.

Am bekanntesten und am besten untersucht ist die Wirkung von Vitamin C als ein natürliches Antihistaminikum, es beschleunigt den Histaminabbau.(2) Eine Studie der Universität Wien in Zusammenarbeit mit der deutschen Marine erbrachte hervorragende Ergebnisse von Vitamin C bei Seekrankheit sowie Reisekrankheit.

In der placebokontrollierten Studie mit 50 Probanden erhielten die Teilnehmer eine Stunde, bevor Sie auf einer Rettungsinsel ausgesetzt wurden 500 mg Vitamin C. Es kam bei den Probanden auf der Rettungsinsel tatsächlich zu einem signifikanten Anstieg des Histaminspiegels im Blut. Die Einnahme von Vitamin C brachte dann vor allem denen, die besonders anfällig für die Seekrankheit waren, nämlich den jüngeren Studienteilnehmern, eine signifikante Besserung. Der Studienleiter resümiert, dass Vitamin C bei jenen, die es am meisten brauchen, wirkt.(3)

Zahlreiche weitere Mikronährstoffe haben ebenfalls Antihistamin-Wirkungen. So verlangsamen Vitamin B3, Kalzium und Zink die Ausschüttung von Histamin im Körper, weil sie die Zellwände der Histamin-produzierenden Zellen stabilisieren.(4)

Wer ein Mikronährstoffprodukt zu sich nehmen will sollte darauf achten, dass nicht nur Vitamine sowie Mineralien, sondern auch Omega-3-Fettsäuren und verschiedene sekundäre Pflanzenstoffe enthalten sind. Ist dies der Fall stellt sich eine Senkung des Histaminspiegels ein.

In der heutigen Ernährung die von tierischen Fetten dominiert wird, sind die Omega-3-Fettsäuren ein wichtiger Gegenpol, denn sie hemmen den Histaminspiegel, welcher vond den tierischen Fetten gefördert wird. Dadurch werden beispielsweise Entzündungen deutlich seltener. (5)

Neuste Studien haben gezeigt, dass Omega-3-Fettsäuren, die in Mikronährstoffmitteln enthalten sind, am besten in Saftform zu sich genommen werden sollten. So kann der Körper die Stoffe am besten aufnehmen und davon profitieren. (6)

Ähnliche Effekte lassen sich bei sekundären Pflanzenstoffen feststellen.So stabilisiert Quercitin ebenfalls die Mastzellen und senkt so die Konzentrationen von Histamin. (7) Dadurch wird das Auftreten der Symptome der Reisekrankheit zumindest hinausgezögert.

Desweiteren zeigen die oben erwähnten Studien, dass den Symptome der Reisekrankheit am besten mit einem natürlichen Mikronährstoffkomplex entgegengewirkt werden kann. Nur so können alle Zellen des Körpers optimal versorgt werden, was Körper und Geist wiederum fit und leistungsfähig erhält.

4. Veränderungen im Lebensstil

Oben haben wir schon gezeigt, wie wichtig die Ernährung bei der Reisekrankheit ist und haben dazu einige Tipps gegeben. Doch auch das Verhalten vor und während der Reise kann erheblichen Einfluss auf die Symptomatik haben. Von den Drehstuhlexperimenten wissen wir, dass Drehen allein noch keine Übelkeit erzeugt. Erst wenn man dabei den Kopf senkt und wieder aufrichtet, tritt schnell Übelkeit auf. Dies unterstreicht die Bedeutung der propriozeptiven Rezeptoren im Bereich der Halswirbelsäule. Auf einem fahrenden Schiff heißt das, dass man nicht isoliert den Kopf bewegen soll, sondern den ganzen Oberkörper. Kopf, Hals und Oberkörper sollten dabei eine steife Einheit bleiben.(8)

Achten Sie auch auf die Zeichen Ihres Körpers: Gähnen ist oft ein Frühwarnzeichen für aufkommende Seekrankheit oder Reisekrankheit und Sie sollten sofortige Therapiemaßnahmen einleiten, wie die Einnahme eines Vitamin-C-haltigen natürlichen Mikronährstoffpräparates.

Auch rechtzeitig Stress abbauen hilft gegen Reiskrankheit. Neue Studien zeigen eindeutig einen Zusammenhang zwischen Stress und dem Auftreten der Symptome.(9) Die besten Strategien zum Stressabbau sind bekanntlich Bewegung und die Anwendung von Entspannungsverfahren (Progressive Muskelentspannung, Autogenes Training, etc.).

Auch Schlaf ist ein wichtiger Baustein in der Therapie der Reisekrankheit. Im Schlaf sinkt der Histaminspiegel gegen null. Nach ein bis mehreren Stunden Schlaf ist man wieder fit.

5. Sonstige Naturheilverfahren

Ingwer

Die Einnahme von Ingwer hat sich bei verschiedenen Arten von Übelkeit längst bewährt.(10) Einige Studien haben auch die Wirkung bei Reisekrankheit belegt. Er wird in Form von kleinen Scheibchen von der rohen Wurzel gekaut, als Pulver, in Tablettenform oder als Kandierter Ingwer eingenommen. Mit der Medikation kann schon am Vortag begonnen werden. Er gilt als nebenwirkungsarm, sollte jedoch von Menschen mit gleichzeitigen Magengeschwüren und Gallensteinleiden nicht verwendet werden.

In einer kleinen doppeltblinden Studie, die an 80 Seekadetten durchgeführt wurde, reduzierte Ingwer im Vergleich zu Placebo signifikant das Auftreten von Erbrechen.(11)

Homöopathie

Die Erfahrungen in der Praxis zeigen vor allem bei Kindern gute Erfolge mit einzelnen homöopathischen Mitteln. Am häufigsten eingesetzt wird das Mittel Coccolus. Nehmen Sie am besten am Abend vor der Reise, am Morgen vor der Reise und kurz vor der Abfahrt je 3-5 Globuli Coccolus D6. (12)

6. Was Sie selbst tun können – Unsere Empfehlungen gegen die Reisekrankheit

Reiseübelkeit

Weitergehende Informationen und Bücher zum Thema

Eine umfangreiche Online-Sammlung zu Informationen über See- und Reisekrankheit finden Sie beim Europäischen Segelinformationssystem.

Heilende Nahrungsmittel: Wie Sie Erkrankungen mit Gemüse, Kräutern und Samen weg-essen Dr. James Duke Verlag: Goldmann (2010) Preis: 14,99 € ISBN-10: 3-4422-1919-3 (1) Sato G. et al.: Effects of hypergravity on histamine H1 receptor mRNA expression in hypothalamus and brainstem of rats: implications for development of motion sickness. Acta Otolaryngol. 2009(1): S. 45-51 (2) Johnston C.S.: The antihistamine action of ascorbic acid. Subcell Biochem. 1996 (25): S. 189-213 (3) Jarisch R.: Seekrankheit, Histamin und Vitamin C. Österreichische Ärztezeitung 2009 (5): S. 32-41 (4) Marone G. et al.: Physiological concentrations of zinc inhibit the release of histamine from human basophiles and lung mast cells. Agents Actions 1986 (18): S. 103 (5) Marone G. et al.: Modulation of the release of histamine and arachidonic acid metabolites from human basophils and mast cells by auranofin. Agents Actions. 1986 Apr;18(1-2):100-2 (6) Raatz S.K. et al.: Enhanced absorption of n-3 fatty acids from emulsified compared with encapsulated fish oil. J Am Diet Assoc. 2009(6): S. 1076-1081 (7) Chirumbolo S. et al.: Bimodal action of the flavonoid quercetin on basophil function: an investigation of the putative biochemical targets. Clin Mol Allergy. 2010(8): S. 13 (8) Jokerst M.D. et al.: Slow deep breathing prevents the development of tachygastria and symptoms of motion sickness. Aviat Space Environ Med. 1999(12): S. 1189-1192 (9) Choukèr A. et al.: Motion sickness, stress and the endocannabinoid system. PLoS One. 2010 May 21;5(5):e10752 (10) White B.: Ginger: an overview. Am Fam Physician. 2007;75(11): S. 1689-1691 (11) Grøntved A. et al.: Ginger root against seasickness. A controlled trial on the open sea. Acta Otolaryngol. 1988(1-2): S. 45-49 (12) Ärztezeitung vom 8.11.2007
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