Krebsdiagnosen

US-amerikanische Wissenschaftler warnen vor zu zahlreichen Diagnosen, die überflüssige Therapien und Behandlungen nach sich ziehen, denn nicht jeder Verdacht auf einen Tumor ist gleichbedeutend mit einer starken Gefährdung der Gesundheit.

Krebs nicht häufiger als früher

Bereits vor vielen Jahren hat die Krebserkrankung ihren Status als Tabuthema verloren. Mehr denn je steht die Krankheit, ihre Erkennung als auch ihre Behandlung im Fokus des öffentlichen Interesses. Trotz dieser erfreulichen Entwicklung melden sich amerikanische Mediziner zu Wort, die mit den Erfolgen nicht zufrieden sind. Vor allem bei der Früherkennung liegt das Problem. Obwohl verbesserte Diagnose Methoden zu deutlich mehr Funden geführt haben, treten fortgeschrittene Krebserkrankungen genauso oft wie vor einigen Jahrzehnten auf. Laut einer Arbeitsgruppe des Nationalen Krebsinstituts der USA, werden Krebsleiden viel zu häufig diagnostiziert und behandelt. Einer der Vorschläge zur Verbesserung der Situation ist die seltenere Verwendung der Bezeichnung „Krebs“ in den Diagnosen.

Ungenaue Krebsdiagnosen lassen Medizinern nur wenig Spielraum

Laut der allgemeinen Annahme ist Krebs eine potentiell tödliche Krankheit, welche ohne Behandlung unweigerlich zum Tod des Patienten führt. So einfach ist es in der Praxis jedoch nicht, denn typische Charakteristika eines bösartiges Tumors sind ungehemmtes, zerstörerisches Wachstum sowie die Bildung von Metastasen in anderen Organen. Die Transformation einer gesunden in eine erkrankte Zelle erfolgt nicht immer gleichförmig und zeitnah.

Der Vorgang läuft häufig über einen längeren Zeitraum ab, kann ins Stocken geraten oder sogar zum Stillstand kommen. Aufgrund dieser Tatsache ist es in der Praxis oft sehr schwierig eine genaue Kategorisierung des Tumors vorzunehmen. Doch genau hier liegt der springende Punkt. Wird ein Tumor als „bösartiger“ Krebs betitelt, so löst dies Panik bei den Betroffenen aus und zwingt den behandelnden Arzt förmlich dazu, bestimmte Behandlungsschritte einzuleiten. Eben diese falschen Betitelungen führen zu überflüssigen Therapien, welche oftmals schwerwiegende Nebenwirkungen haben.

Laut Laura Esserman und ihren Kollegen von der Universität von Kalifornien in San Francisco, gibt es drei Arten von Krebsleiden, die unterschieden werden müssen, da sie sich unterschiedlich auf Früherkennungsprogramme auswirken. Die erste Gruppe bildet Prostata- und Brustkrebs. Durch Screeningprogramme nahmen die Fallzahlen von Betroffenen deutlich zu. Als Erfolg lässt sich jedoch gesunkene die Sterberate bei diesen Krebsleiden verbuchen. Auch hier zeigen sich beide Seiten der Medaille: durch die verbesserte Früherkennung kommen auch sogenannte „schlafende“ und „träge“ Tumore zum Vorschein, wodurch auch die Zahl der nicht notwendigen Behandlungen steigt. Andererseits sterben im Großen und Ganzen weniger Menschen an diesen Krebsarten, was an dem sinkenden Sterberisiko ablesbar ist.

Neudefinierung des Begriffs „Krebs“

Erfreuliche Nachrichten gibt es aber auch: Tumore der Gruppe 2, welche aus beispielsweise Darm- und Gebärmutterhalskrebs bestehen, sind als Folge der Früherkennung deutlich seltener und gleichzeitig weniger tödlich geworden. Grund dafür sind die weitverbreiteten und von den Krankenkassen unterstützten Vorsorgeprogramme gegen diese Arten von Krebs. In der dritten Gruppe sieht es hingegen eher schlecht aus: bei seltenen Erkrankungsformen wie Schilddrüsen- oder schwarzem Hautkrebs, kam es zu einer Zunahme der gestellten Diagnosen, ohne dass dies eine Auswirkung auf die Häufigkeit von aggressiven Tumoren hatte.

Laut Otis Brawley, dem medizinischen Direktor der Amerikanischen Krebsgesellschaft, wird eine Neudefinierung der Krebserkrankung dringend benötigt. Besonders bei Brust- und Prostatakrebs lässt sich das Problem gut erkennen. Die erhobenen Statistiken zeigen, dass bei rund einem Drittel der Patientinnen eine lokalisierte Form des Brustkrebses festgestellt, die sich aber nicht als tödlich erweisen würde. In Folge dieser Diagnosen kommt es zu zahlreichen, unnötigen Bestrahlungen oder sogar Brustamputationen.

Um diese Missstände zu bekämpfen, fordern einige Mediziner den Begriff Krebs nur für die Arten der Krankheit zu verwenden, die ohne entsprechende Behandlung zum Tod führen würden. Ein weiteres Beispiel für die Fehlverwendung ist das sogenannte „duktale Karzinom in situ“, welches eine Wucherung an den Milchgängen der Brust beschreibt. Laut Laura Esserman handelt es sich hierbei nicht um Krebs, trotzdem wird es allgemein so bezeichnet.

Auch Rudolf Kaaks vom deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg kann die Kritik nachvollziehen, denn in der Praxis besteht das Problem darin, die Grenze zwischen aggressiven und nicht-aggressiven Tumoren zu ziehen. Auch Kaaks Kollegen und Mitglieder der Arbeitsgruppe zur Krebserforschung, setzen sich für bessere Tests ein, um Niedrigrisiko-Veränderungen zu entwickeln. Trotz dieser Kritik, will keiner der Mediziner die Fortschritte der Früherkennung leugnen. Es geht lediglich um die sinnvollere Verwendung des Begriffes Krebs.

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