Hormonchaos: Wie wirkt Nahrung auf den Hormonhaushalt?

Chaosalarm: In der Konsumgesellschaft spielen die Hormone verrückt. So zeigen Statistiken, die für hormonelle Dysbalance im aktuellen Jahrhundert Anstiege verzeichnen. Toxikologen erklären die Erscheinungen durch Disruptoren, die als hormonaktive Industriechemikalien die Umwelt belasten. Psychologen erkennen die Ursache vielmehr in psychischen Belastungen und stressbedingten Hormonreaktionen. In jüngster Vergangenheit werden trotz diesen Erklärungsansätzen die Stimmen von Gastroenterologen lauter, die Ernährungsangewohnheiten zur Hauptursache hormoneller Dysbalance erklären. Neuerdings geraten neben Ernährungsfehlern Mikroorganismen im Magendarmtrakt unter Verdacht, hormonelles Ungleichgewicht auszulösen. Das Forschungsprojekt My New Gut soll 2018 Aufklärung bringen. Mit 13 Millionen Euro Forschungsgeldern untersuchen beteiligte Wissenschaftler, inwiefern die Ernährung mit Botenstoffen zusammenhängt und ob Darmbakterien Hormone beeinflussen.

Hormone & Ernährung: Wieso man ist, was man isst

Hormone regeln neben Wachstums- und Verdauungsprozessen Denk- und Verhaltensweisen. Inzwischen kennt die Wissenschaft etwa 50 Botenstoffe aus mehr als zehn Körpergeweben. Über die größte Hormonwerkstatt verfügt der Magendarmtrakt. Dort synthetisierte Enterohormone beeinflussen neben der verdauungszentralen Darmabsorption das Appetitzentrum im Hypothalamus. Über diese Zentralschaltstelle ist Ihr Darmhormonsystem mit anderen Hormondrüsen vernetzt. Neben Verdauungshormonen wie Gastrin, Sekretin und Cholecystokinin (CCK) zählen die Peptide GIP und VIP zu den Enterohormonen.

Dasselbe gilt für Glückshormone wie Serotonin. Dass auch Darmbakterien Neuromodulatoren und Hormone wie Dopamin und Gamma-Aminobuttersäure produzieren, belegte die University of Texas 2014. Über Botenstoffe beeinflusst Ihr Mikrobiom neben dem Darmsystem Stimmungen und Gelüste. Zusammenhänge zwischen Magendarmtrakt und Hormonsystem reichen nach heutigen Wissensstand von der Nährstoffabsorption bis hin zu biowirksamen Stoffwechselprodukten, die Darmmikroben bei der Versorgung mit bestimmter Nahrung produzieren.

Essgewohnheiten: So führt Hunger Hormonchaos herbei

Ihr Körper braucht zur Hormonsynthese und Sekretion neben Makronährstoffen wie Fetten und Proteinen Mikronährstoffe wie Vitamin C und D. Deshalb entsteht hormonelles Ungleichgewicht, wenn einseitige Ernährung oder Absorptionsstörungen Mangelerscheinungen verursachen. Die Einseitigkeit von Diättrends wie Low Carb und Lebensstilen wie Veganismus ist deshalb ebenso relevant für das steigende Hormonungleichgewicht in der Gegenwartsgesellschaft wie der Verzehr von jährlich 40 Kilogramm nährstoffarmer Tiefkühlkost und 35 Kilogramm Zucker pro Person.

Schnellverwertbare, aber nährstoffleere Kohlenhydrate haben nicht nur mangelbedingte Auswirkungen auf den Hormonhaushalt, sondern verändern die Darmhormonsekretion unmittelbar. Bei leerem Magen setzt Ihre Magenschleimhaut Ghrelin frei, um dem hypothalamischen Appetitzentrum über den Vagusnerv Hunger zu signalisieren. Die Konzentrationshöhe der Hungerhormone ergibt sich laut Forschern aus der Konzentration von Botenstoffen wie dem glukosespiegelabhängigen Peptidhormon GIP und dem Fettgewebehormon Leptin. Schnellverwertbare Kohlenhydrate wie Zucker senken den Hungerhormonspiegel nicht dauerhaft, sondern lassen den Magendarmtrakt mit dem Ziel nachhaltiger Erhöhungen des Blutglukosespiegels Nachschub verlangen.

Dadurch schwankt Ihr Insulinspiegel und stört das Gleichgewicht seiner Antagonisten. Dazu zählen hormonwirksame Glukokortikoide wie Cortisol und Katecholamine wie Adrenalin. Die Insulinausschüttung hängt mit dem magenfüllungsabhängigen Enterohormon Gastrin zusammen. Deshalb halten viele Forscher neben Mangelerscheinungen und Fehlernährung auch ständige Nahrungsaufnahme für einen Ursachenfaktor von Darmhormonstörungen. Als Gegenmaßnahme wird Heilfasten empfohlen.

Hormonchaos? Gegessen dank Darmbakterien

Studien aus dem Jahr 2016 legen nahe, dass die Stoffwechselprodukte von Darmbakterien den Darmhormonstatus beeinflussen. Darmmikroben manipulieren laut dieser Theorie die Menge und Art der Enterohormone. Die Transplantation des Darmmikrobioms fettleibiger Mäuse in bislang schlanke Tiere ließ die Transplantatempfänger in Studien unmittelbar zunehmen. Offenbar beeinflussen Stoffwechselprodukte von Darmbakterien neben der enterischen Hormonproduktion zentralnervöse Botenstoffrezeptoren.

Dadurch bestimmen Mikroben unabhängig vom Mageninhalt, wann und worauf Sie Hunger haben. Wegen Zusammenhängen zwischen Darmhormonsystem und anderem Hormongewebe verursachen Darmbakterien auf diese Weise schlimmstenfalls Hormonungleichgewicht. Durch Glückshormonen wie Serotonin belohnen sie ihren Wirt für die Aufnahme solcher Nahrungsmittel, die ihrem Stoffwechsel zugutekommen. Bei der Widerherstellung eines harmonischen Hormonsystems steht für viele Gastroenterologen deshalb die Beeinflussung des Darmmikrobioms im Fokus. Studien der Universität Georgia dokumentierten 2017 Korrelationen zwischen dem Konsum mehrfach ungesättigter Fettsäuren und abnehmender Hungerhormonproduktion.

Ungesättigte Fettsäuren unterstützen damit offenbar die Ansiedlung „guter“ Darmbakterien, was sich auf Patienten mit hormoneller Dysbalance positiv auswirken könnte. Dasselbe gilt studiengemäß für entgiftende Darmsanierung und ballaststoffreiche Ernährung mit dunklem Brot und Vollwertlebensmitteln. Nach My New Gut stehen Ihnen zukünftig idealerweise Spezial-Probiotika zur Verfügung, die das darminterne und externe Hormonsystem über gezielte Ansiedelungen hilfreicher Darmbakterienpopulationen harmonisieren.

Zurück